vorträge

das talent und die bescheidenheit


nachruf auf anne-marie blanc
anlässlich einer gedenkmatinée im schauspielhaus zürich am 20. september 2009

ein für uns heute überaus bedeutsamer schriftsteller wollte in frühen jahren unbedingt zum theater. er reiste extra nach stuttgart, um einem damals sehr berühmten schauspieler vorzusprechen. der riet dem jungen schweizer rundweg ab, und sicher nicht nur wegen des wenig perfekten hochdeutschs, in dem er schiller rezitierte. wir können dem ausgang dieser begegnung nur dankbar sein. denn robert walser hat dann als dichter sich immer wieder mit der bühne beschäftigt und uns eine ganze reihe von sehr eigensinnigen betrachtungen über das theater hinterlassen. an diesem ort und in verbindung mit dem gedenken an anne-marie blanc scheint mir der rechte augenblick, diese fruchtbare auseinandersetzung an einem angemessenen beispiel in erinnerung zu rufen. sein ‚beitrag zur psychologie des talents’ beginnt folgendermassen: ‚ein talent muss flüssig sein, nicht staubig, glatt, nicht holperig, aber es darf nicht allzu glatt davonfliessen, es muss tief und ziemlich schwer sein, aber es darf nicht allzu tief, noch viel weniger darf es schwerfällig sein. es muss eine gewisse ruhe und breite haben, das heisst, es muss warm sein, es muss sich sogar bis in die hitze hinauf versteigen können, aber es darf niemals hitzig sein, niemals roh, niemals plump. es muss kalt sein, doch es muss wärme immer ahnen lassen.’

diese bemerkenswerten forderungen verwandeln sich für mich zwanglos in die beschreibung von anne-marie blancs schauspielkunst. ich weiss nicht mehr genau, wann ich sie zum ersten mal spielen sah. sicher bereits 1963 als donna elvira im don-juan-stück von max frisch auf der pfauenbühne und etwas verspätet sicher auch (als lehrling im erkunden der swissness hatte ich einiges nachzuholen) als ‚gilberte’ im film. bevor ich einiges über die späte und einzige konkrete zusammenarbeit mit ihr erzählen werde, muss ich von meiner überraschung reden, die mir das wiedersehen dieses films unlängst im filmpodium bescherte: die so offensichtliche projektionsfigur, die auf der einen seite die beiden grossen sprachteile der schweiz im zeichen der geistigen landesverteidigung verbinden sollte, auf der anderen seite die so verschiedenen emotionalen ausdrucks- und vorgehensweisen glücklich kombinieren wollte, um den behäbigen, eher gradlinigen deutschschweizern die leichte, elegante und etwas undurchsichtige welsche art als bild einer gemeinsamen beziehungkultur nahezubringen, hatte eine andere dimension dazugewonnen. (ich rede, nebenbei bemerkt, als immer-noch-nicht-schweizer selbstverständlich in den metaphern dieses films und nicht in der analytischen strenge der politischen oder gesellschaftlichen fakten). nun, mag es der abstand zum ersten erleben des films sein, sicher auch eine besondere konzentration inhinblick auf diese rede heute: als ich anne-marie blanc in dieser sie dem öffentlichen bewusstsein so nachhaltig einprägenden rolle wieder sah, gewann ein zug in ihrem spiel die oberhand, der weder mit der anlage der rolle, noch mit den ideologischen implikationen der wirkung der figur zu erklären ist. ich meine, dass sie all das, was das drehbuch von ihr verlangte, auf eine liebenswürdige, schnörkellose und darüberhinaus auf geradzu musikalische art zu spielen verstand. aber gleichzeitig entzog sie sich der eindeutigkeit der vorlage – zum beispiel im augenblick von gilbertes grösster verzweiflung, nämlich in der gewissheit, dass der ihr ans herz gewachsene peter hasler zu seiner verlobten zurückkehren wird, schwenkt die kamera, die sie gerade im halb offenen fenster gezeigt hatte, nach rechts – gilbertes spiegelbild im fensterflügel, nun mit sichtbaren tränen in den augen, ist erst nach kurzer zeit deutlich zu sehen und ihr verbaler ausbruch nur im off zu hören. so führt franz schnyder mit cineastischen mitteln geradezu prototypisch anne-marie blancs kunst vor, die nicht in der demonstration des grossen tragischen moments bestand, sondern im differenzierten und diskreten dazwischen - in einem bereich, der nur ihr gehörte und aus dem heraus zu spielen ihr so überaus selbstverständlich schien, dass sie kaum darüber sprechen musste.

an dieser stelle kann ich ein weiteres zitat von walser einfügen. es lautet: ‚es (das talent) muss vorsichtig und sparsam sein, damit es etwas zu geben hat, wenn die stunde des ausgebens da ist.’

im reigen der rollen, die ich von anne-marie blanc gesehen habe, ist dieses ‚vorsichtig und sparsam’ wie eine konstante zu beobachten: jedoch ist gerade bei den unterschiedlichsten darstellungen auf der bühne oder im film hinter dieser sparsamkeit ein sphynx-haftes universum zu erahnen, das jede ihrer figuren spezifisch imprägniert. man kann es das geheimnis des schauspielertums nennen, aber mi, so durfte ich sie später als freund der familie auch nennen, mochte nicht in dieser art über ihre arbeit reden. sie liess sich auf den text ein, fragte nach bedeutungen, die ihr verschlossen geblieben waren und wünschte sich klare anweisungen. wenn sie behauptete, sie brauche die klugheit des regisseurs, weil ihre eigene nicht ausreiche, war das nicht koketterie, sondern eine klare grenzziehung. sie selbst bezeichnete sich im filmporträt von anne cuneo als ‚transportmittel’ – aber sie war keineswegs das berüchtigte leere blatt, das durch die arbeit beschriftet wurde, sondern vielmehr eine membran, die in der arbeit am stück und für die entsprechende rolle mit ihrem jeweils sehr eigenen grundton zu räsonieren begann.

auf der suche nach neuen rollen für die damals über 70-jährige schauspielerin hatte peter-christian, ihr ältester sohn, zu beginn der 90er jahre sich ‚three tall women’ von edward albee in new york angesehen und versuchte daraufhin, im schauspielhaus zürich eine inszenierung mit ihr in der hauptrolle anzuregen. als das nicht gelang und er sich mit diesem ansinnen an mich wandte, war es als schauspieldirektor des theaters st.gallen ein leichtes für mich, dieses aussergewöhnliche stück aus inhaltlichen und formalen gründen mit überzeugung in den spielplan aufzunehmen. damit war endlich auch die gelegenheit gefunden, mit der grande dame des schweizer theaters zu arbeiten und der ostschweizer metropole eine nicht geringe sensation zu bescheren. ‚drei grosse frauen’ spielt im ersten teil vor und und im zweiten teil nach dem tod der hauptfigur A, was wir, einen vorschlag des autors variierend, so ausgeführt hatten, dass nach der pause im hintergrund eine doublette der schauspielerin in einem mit dem ersten raum identischen sterbezimmer liegt. an einer der letzten proben betrachtete mi ihr totes ebenbild mit der ihr eigenen distanziertheit und meinte lakonisch, dass sie wohl dannzumal einmal so aussehen würde. aber es gab keinen hinweis für mich, dass sie erschreckt oder gar abgestossen war; sie verstand sofort, dass die theatralische tote hinten der vorne agierenden leben einzuhauchen imstande war.

es gab während einer der vorstellungen nur einmal einen zwischenfall, der vielleicht auf diese etwas makabre situation reagierte, aber eher darauf zurückzuführen war, dass sie zunehmend schwierigkeiten bekommen hatte, den text zu memorieren. vorsorglich hatte sie monate vor probenbeginn mit dem lernen begonnen und beschäftigte ihre freundin und soufleuse fast täglich, um mit ihr an der rolle zu arbeiten. nun, eine gewisse panik diesbezüglich war durchaus während der probenarbeit zu merken, aber die kolleginnen, die B und C spielten, versicherten ihr überzeugend, dass sie jederzeit in der lage wären, weiterzufahren. an der besagten aufführung nun geschah es, dass die blanc, die nur einmal von der bühne abzugehen hatte, in der seitengasse plötzlich von mutlosigkeit oder verzweiflung erfasst wurde und der assistentin, die mit ihr auf das stichwort zum nächsten auftritt wartete und sie losschicken wollte, sagte: ‚ich kann nicht mehr. brechen sie die vorstellung ab.’ die junge, dennoch resolute mitarbeiterin (sie berichtete mir das sofort nach der vorstellung) fuhr sie ohne zu überlegen an: ‚sie gehen sofort hinaus, nur keine angst.’ und mi ging ruhig zu ihrem auftritt und spielte ohne hänger oder fehler einfach weiter, als wäre nichts geschehen.

das ist verbürgt. und dennoch muss eine portion mystifikation in diese szene hineingewoben werden, denn als ich die besagte stelle im stücktext gefunden hatte und rekonstruieren konnte, in welchem moment dieser mentale oder psychische ausfall stattgefunden haben musste, fährt der text von A im augenblick ihres wiederauftritts folgendermassen fort: ‚ein mensch könnte sterben da drin und keiner würde sich drum kümmern.’

vielleicht ist das reich der sphynx dem totenreich ähnlich: in beiden fällen scheint der klare blick von dort mit einer gewissen unbeteiligtheit auf die lebenden zu fallen und erlaubt es, in gelassenheit das zu sagen, was gesagt werden muss. und dann zu tun, was getan werden muss. das nun letzte zitat von walser erlaubt mir, diesen gedanken ähnlich beunruhigend auf das theater zu übertragen: ‚das talent … soll die gefahr lieben, es soll leiden, es darf sich nicht weigern zu leiden, sonst verflacht es, und dann leidet es erst recht.’ ich weiss nicht, ob anne-marie blanc im einen oder im anderen sinn gelitten hat, aber sie hat uns in allen ihren rollen (auch in den komischen, auch in den sogenannten leichten) gezeigt, dass das geheime im menschen, das immer auch ein leiden miteinschliesst, im schauspiel hervorblitzen kann. wie aber das geschehen konnte, ist ihr geheimnis geblieben.


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